CHOREOGRAPHY
von Roberta Valtorta
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Romeo Vendrame definiert sich als «Autor und Regisseur» dieses Zyklus. Als «Autor» hat er vor 40 Jahren, in den 1970ern, die dieser Serie zugrundeliegenden Fotografien aufgenommen. «Regisseur» ist er, da er heute, nach dieser langen Zeit, diese Aufnahmen wieder in Betracht zieht und sie grundlegend transformiert. Diese zeitliche Interaktion zwischen den Jahrzehnten, den Epochen, die so weit voneinander entfernt sind, bezeichnet er als «Tanz» – der dieser Arbeit den Titel «Choreography» verliehen hat. Vendrame nutzt das Konzept des Tanzes, um die komplexen rhythmischen Vorgänge der Erinnerung aufzuzeigen. Auf der sichtbaren Ebene stößt er einen Prozess an, der Erfahrenes, Gesehenes und Gedachtes wachruft und wiederbelebt, und das auf eine sehr intensive Art und Weise.

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ZUR FOTOGRAFIE VON ROMEO VENDRAME
von Angelika Affentranger-Kirchrath
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Die Fotoarbeiten von Romeo Vendrame sind das Resultat eines langwierigen Entstehungsprozesses. Gesehene Bilder werden aus dem Fluss der Zeit herausgehoben. Seine Fotografien bedeuten eine Ballung von Zeit, verdichtete Zeit. Beim Zyklus «Afterglow» – der eine Basis für sein weiteres Schaffen bildet – hat er Aufnahmen von Freunden und Bekannten übernommen und sie sich im Prozess der Bearbeitung recht eigentlich angeeignet. In diesem Zusammenhang spricht er von Engrammen – Gedächtnisspuren. Nach wie vor versteht er seine Fotografien als Kristallisationspunkte, die sich als erinnerte Bilder aus dem Vergessen herausschälen. Sie sind keineswegs präzise umrissen und auf den Bildträger gebannt, sie befinden sich zwischen Formation und Auflösung. Dies stellen wir auch bei allen seinen neueren Serien fest: den Frauengesichtern aus der Serie «the chemistry of attraction», die sich aus einem undefinierten Grund herausschälen. Sie bleiben erscheinungshaft wie die Berge aus der Serie «Berg», deren Kontext nicht auszumachen ist. Das Gesicht aus dem Zyklus «Neutrino» verstiebt in einem Lichtnebel und unterläuft so den Anspruch des Portraits, einen individuellen Ausdruck zu erfassen.

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Im SternbIld der grossen Blume
von Nadine Olonetzky
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Lichterketten, Lichterknäuel, Lichterflecken, gelb, grün, violett, blau, ein Flirren, tausend Farbpunkte, Geflimmer und das glitzernde Aufscheinen eines Gesichts, ein aus dem dunklen Raum auftauchendes Gelichter, ein gespensterhaftes Gesindel, das sich an einem seltsamen Nachthimmel herumtreibt? Romeo Vendrames zwei Fotoserien «Neutrino head» und «Neutrino half», 2004–06 entstanden, bewegen sich an der Grenze, wo sich die Figur auflöst ins Ungegenständliche, die Abstraktion überhand nimmt. Das Gesicht, das man mehr ahnt als erkennt, und die Halbfigur, die im schwarzen Umraum zu schweben scheint, bestehen aus Wolken von Lichtpunkten, wirken wie schwerelose funkelnde Schmuckstücke auch, sie erinnern an kosmische Phänomene, an einen – zwar so noch nie gesehenen – Sternenhimmel, eine fremde Milchstrasse. Die unendliche Weite des Alls jedenfalls, die durch den schwarzen Umraum suggeriert wird und in der diese nahezu körperlosen Gesichter und glitzernden Figuren aufscheinen, diese sie umgebende unwirtliche Grösse, Einsamkeit, Kälte lassen einen frieren und zugleich daran denken, dass alles mit allem zusammenhängt, alles aus denselben Grundbausteinen zusammengesetzt ist, das Moos und der Stern, der Mensch und der Stein.

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THE CHEMISTRY OF ATTRACTION
von Christoph Doswald
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Die Verführungskraft medialer Bilder scheint ungebrochen, die phantasmatische Attraktion idealisierter Körper wird immer einflussreicher. Diese gesellschaftliche Konstellation, dieses echohafte Oszillieren zwischen medialer und unmittelbarer Wirklichkeit bildet den Hintergrund der Bildrecherchen, die der Zürcher Künstler Romeo Vendrame seit zwei Jahren anstellt. Ausgehend  von Fotografien, die ursprünglich für die Mode- und Schönheitsindustrie entstanden sind, um deren Produkte zu inszenieren und zu verkaufen, hat Vendrame in einem systematischen Prozess der Bildaneignung und -befragung den Versuch unternommen, sich der Herrschaft über die Wirklichkeit wieder zu bemächtigen.
Indem Vendrame den von der Werbeindustrie vorgegebenen Bildausschnitt gezielt verändert und das Bild des maskenhaften Models refotografiert, schafft er neue Perspektiven, die dem konfektionierten, visuellen Rauschen eine individualisierte Dimension verleiht. Das vergrösserte und stark abstrahierte Gesicht der medialisierten Frau wird so wieder dem natürlichen Zyklus von Werden, Sein und Vergehen überantwortet und erhält damit seine menschlichen Züge zurück. Vendrames Bilder huldigen dem Geheimnis einer Menschen-Biografie und stellen das Wesenhafte des Daseins in den Mittelpunkt.